Zeit zum Erinnern

Den Blick schweifen lassen

Teller für Teller, Gabel für Gabel, Kanne für Kanne werden von meinen Augen in Sekundenschnelle gescannt und von meinem Gehirn in die Kategorie "Klumpat - braucht keiner" oder "Oh wie süß - will ich unbedingt haben" abgespeichert. Es bleibt nicht viel Zeit um die Umgebung zu Scannen und trotzdem nehme ich sie mir, um kurz in Erinnerungen zu schwelgen. Ich stehe hier - inmitten von einem verlassenen Haus, überall warten Erinnerungsstücke, Relikte aus längst vergessenen Tagen, die mitgenommen und sich in die nächste Generation integrieren wollen. Es fühlt sich fast so an, als wäre man für den Moment in eine andere Zeit zurück versetzt. Jene Zeit unserer Großeltern, wo Armut und Krieg noch so präsent waren, aber wir denken auch gerne an die Stunden mit den Großeltern zurück.

So viele Jahre haben diese Menschen hier gelebt, glückliche und traurige Zeiten erlebt und sich ein Eigenheim aufgebaut. Ein kleines fragiles weißes Kännchen mit Goldrand erlangt kurz meine Aufmerksamkeit und schon fange ich an zu Grinsen. Denn ist das nicht jenes Kännchen, in dem ich letztens noch die warme Milch für meinen Kakao erhalten habe? Es liegt da direkt neben alten Löffeln, kleinen Gewichten und einem fast schon antik wirkendem Messer. Würde das Kännchen sprechen können, ich würde es nach all seinen Erlebnissen und Eindrücken fragen. Woher stammt der Kratzer auf der linken Seite am oberen Rand und welche Geschichte steckt hinter dem kleinen Cut am Henkel?!

Mit der Neuzeit verbinden

Aber was fängt man schon mit einem alten zerkratzten Kännchen an? Ganz ehrlich? Gar nichts, aber ich nehme es trotzdem mit und packe es sorgfältig in Zeitungspapier eingehüllt in meine Tasche zu all den anderen Dingen, wie Schlüssel, Salatbesteck und Schneebesen, die eigentlich keiner braucht, aber so viel Geschichte mit sich herumtragen. Und ich freue mich einfach, dass ich es habe. Denn jedes Mal, wenn ich das Kännchen betrachte, denke ich an das letzte Mal mit meinem warmen Kakao in der Hand zurück. Und das ist auch gut so, denn was wären wir ohne unsere Erinnerungen? Man muss sie nur gut in unsere Neuzeit integrieren können und dann bilden sie wie von selbst eine Symbiose mit all den anderen schönen Dinge, die heute so dazu gehören.

Letztendlich verlasse ich das Haus, in dem so viele Erinnerungen, Geschichten und Momente stecken, mit einem voll bepackten Säckchen voller Dinge, die leider keine geliebten Menschen, aber dafür Erinnerungen und ein gutes Gefühl zurückbringen. Oftmals habe ich mir ins Gedächtnis gerufen, dass ich diese Tasse oder jenes Besteck wohl nie verwenden werde, aber es es ist ein gutes Gefühl, wenn ich einfach weiß, wem es gehört hat und woher ich es habe. Und reicht das im Endeffekt nicht aus?!

Ich wünsche euch einen wundervollen Muttertag, mit dem Hintergedanken, dass auch Großmütter Mütter sind bzw. waren und es vollkommen in Ordnung ist, in Erinnerungen zu schwelgen und an Großmütter zu denken. Alles Liebe und bis bald